Höhenflüge zwischen Himmel und Hölle 10.05.07
Sein Schreibtisch ist chaotisch, doch sein Geschäftssinn ist wohl geordnet. Seine Art ist himmlisch nett, doch viele seiner Werke sind höllisch böse. Morgens entwirft er lustige Kinderbücher, mittags kreiert er das Logo einer Firma, und abends lässt er tätowierte Engel und teuflische Damen in düstere, seelische Abgründe blicken. Er zeichnet schnell, und er zeichnet viel. Doch Quantität bürgt bei ihm für höchste Qualität.
Willkommen im Reich von Timo Wuerz (34), der geboren wurde, um zu zeichnen. Und der sein Talent nutzt, um Erfolg zu haben. Da ist er ganz Hohenloher, auch wenn der Niedernhaller seit ein paar Jahren in Hamburg und dem Rest der Welt zu Hause ist. Weil er ein gefragter Künstler und Illustrator ist. Bekannt als ultraschnelle Allzweckwaffe. Immer auf der Suche nach Neuem, immer mit dem Blick auf das nächste Projekt. Er arbeitet für Disney und Nintendo, Sony und Volkswagen. Aber auch die Stadt Künzelsau und Rockbands aus Hohenlohe stehen auf seiner Kundenliste. Er zeichnet Comics und illustriert Bücher. Er entwirft Plattencover und Poster, Broschüren und Briefmarken. Ganze Themenparks tragen seine Handschrift, und im Filmgeschäft hat er ebenfalls seine Hände im Spiel. In Schubladen deponiert er höchstens seine Stifte. Sich selbst möchte er in keine stecken. Oder höchstens in tausend verschiedene.
Timo Wuerz? Das ist ein schillerndes Gesamtkunstwerk. Mit unendlich vielen Facetten. Um all das unter einen Hut zu kriegen, was in seinem Kopf umherschwirrt und was er schließlich in den verschiedensten Formen zu Papier bringt, führt er „diverse Doppel- oder Mehrfachleben“. Versuchen wir also, etwas Ordnung in dieses Chaos zu bringen.
Bestimmung
Es passierte. Einfach so. Timo Wuerz war noch keine zwei Jahre alt, da nahm er einen Bleistift in die Hand - und zeichnete. Einen Clown, den die verblüfften Eltern gleich als solchen erkannten. Die Proportionen, der Ausdruck, die Schattierungen: Alles fügte sich zu einem harmonischen Ganzen. „Zeichnen liegt mir im Blut“, sagt Wuerz. Man könnte auch sagen: Es ist seine Bestimmung. „Es war schon immer meine Art, mich auszudrücken. Noch bevor ich laufen oder sprechen konnte, habe ich gezeichnet.“ Und: „Schnell war ich schon immer. Ich kenne es nicht anders.“ 32 Jahre nach diesem für die Eltern so einschneidenden Erlebnis hält Timo Wuerz den Bleistift noch genauso wie damals. Natürlich zeichnet er jetzt noch viel mehr und viel besser, und die Rundungen des Clowns finden sich später in den üppigen Rundungen weiblicher Brüste wieder. Doch irgendwie hat man den Eindruck: Das Kind, es ist im Manne geblieben. „Im Kindergarten musste ich für alle zeichnen, in der Grundschule auch, und daran hat sich bis heute nicht wirklich viel geändert.“ Nur: „Jetzt werde ich besser bezahlt.“
Diese Freude am Zeichnen, diese Unbekümmertheit, diese Lust auf Entdeckung, diese Neugier: Darin unterscheidet er sich von vielen Erwachsenen seines Alters. Doch im nächsten Moment greift er zum Handy und checkt ein neues Geschäft. Da hält das Kind im Manne seinen Mund. Da ist er ganz Unternehmer. Geschäftig bis über beide Schlitzohren. Eben ein waschechter Hohenloher. Er steht jeden Morgen um 7 Uhr auf und arbeitet „zügig und locker, wenn es sein muss bis tief in die Nacht“.
Diese Besessenheit und Leidenschaft, diese Lust aufs eigene Unternehmen erinnert in gewisser Weise an Reinhold Würth. Der hat mit Schrauben ein Imperium aufgebaut, doch sein Konzern beschäftigt heute über 50 000 Menschen. Timo Wuerz ist als Zeichner ebenfalls erfolgreich, doch er beschäftigt vor allem sich selbst. Deshalb: Was Würth im Großen, ist Wuerz im Kleinen. Und die Liebe zur Kunst, sie verbindet beide. Mit 14 hatte Timo Wuerz seine erste Ausstellung. Unzählige folgten. Auch in mehreren Museen, wie etwa dem San Francisco Museum of Modern Art, sind seine Zeichnungen zu sehen. Ein paar internationale Preise hat er auch bekommen. Fehlt nur noch, dass Reinhold Würth ihn eines Tages in seine Sammlung nimmt.
Hell und dunkel
Timo Wuerz machte schon immer von sich reden, auch im Gymnasium Künzelsau, wo er den Kunstlehrer in den Schatten stellte. Richtig groß raus kam er 1993, mit seinem ersten Comicalbum „Aaron und Baruch“. Es war seine dunkle Seite, die er hier zur Schau stellte - in brillanter Grafik. Damals, im Alter von 20 Jahren, startete seine Karriere als Künstler und Designer, nachdem er mit seiner Bewerbungsmappe an der Hochschule in Stuttgart abgeblitzt war. Die Professoren schickten ihn wieder nach Hause: Was sollten sie ihm noch beibringen? Zwei Jahre später folgte „Lula und Yankee“, das krasse Gegenteil des Comic-Erstlings. Ließ er hier einen Killer und einen Waffenhändler an kranken Hirnen leiden, stand jetzt der Spaß im Vordergrund. Oder die helle Seite. Mit einem jungen Pärchen, das witzig bis flippig durchs Leben stolpert. Das gleiche Spiel wiederholte sich noch einmal, und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein. 2001 langte Wuerz mit „Black Metal“ wieder ganz tief in die Blut-und-Gothic-Kiste. Drei Jahre später gab er „Günter, dem inneren Schweinhund“ ein höchst liebevolles Äußeres. Günter, das Tier zum Buch von Stefan Frädrich, ist inzwischen sehr erfolgreich. Als Psychologe, Verkaufstrainer, Pädagoge, Diätapostel - und bald auch als Flirtberater.
Dunkel und hell, hell und dunkel: Dieses gnostische Motiv führt direkt zu einem Kultfilm: „Krieg der Sterne“. Das Weltraum-Märchen von George Lucas über den Kampf um Gut und Böse war der Funke, der sein künstlerisches Talent vollends in Flammen setzte. „Als ich mit sieben Jahren im Kino saß und diesen Film sah, war es um mich geschehen. Ich konnte gar nichts anderes werden als Comic-Zeichner.“ All diese fantastischen Kreaturen: Sie befeuerten seinen Eifer und seine Kreativität.
Timo Würz kommt viel in der Welt herum, doch im Herzen ist und bleibt er ein Hohenloher. Denn: Von Hohenlohe lernen heißt siegen lernen. Die Unternehmerkultur, der Menschenschlag: Dazu steht er, und die typischen Grundtugenden sind mit verantwortlich für seinen Erfolg - aber auch für seine merkwürdige Zerrissenheit. Von einem Zitat über Hohenlohe fühlt er sich „durchaus ertappt“. Es stammt von August Lämmle: „Eine seltsame Mischung aus verschlossener Zurückhaltung und offenbarer Zutraulichkeit, von rechnerischem Scharfsinn und träumerischem Spinndisieren, von inniger Religiosität und gänzlich mangelndem Autoritätsglauben, von verschimmelter Nesthockerei und verbissenem Wandertrieb, von unglaublicher Philisterhaftigkeit und offenem Weltsinn.“
Alles fließt Gerade hat er Werbespots für Nintendo designt und das neue Cover fürs „Deutschland-Monopoly“. Sein neues Comic-Buch „Isi Paranoia“, eine Liebesgeschichte, wird in Kürze veröffentlicht. Wie es mit Timo Wuerz weiter geht? Schwer zusagen. Die einzige Konstante in seinem Leben ist sein zeichnerisches Talent. Es war schon immer da, und wird wohl nie verfliegen. Nur was aus ihm in, sagen wir, zehn Jahren wird, das kann er kaum beantworten.
Dinge, von denen er keine Ahnung hat, ziehen in magisch an. Privates und Geschäftliches: Alles fließt ineinander. Die Welt um ihn herum, das sind „Freunde, mit denen ich früher oder später Geschäfte mache oder Geschäftskunden, die früher oder später meine Freunde sind“. Insofern ist alles möglich. Der künstlerische Geist, er weht immer weiter. Und schreit befreit: Welt, ich umarme dich!