Entflammte Welten 14.05.05

Wer Feuer in sich und Seele hat, kann sie
nicht unter einem Scheffel verstecken,
und - man will lieber brennen als
ersticken.
--Vincent van Gogh


Wenn Timo Wuerz zu zeichnen beginnt, dauert es zumeist nicht lange, bis die Welt in Flammen steht. In Black Metal, seinem jüngsten und bisher umfangreichsten Comic-Werk, geht es gleich auf der ersten Seite los, und eine Feuersbrunst fegt Berlin-Schöneberg hinweg. Doch die Flammen verkörpern nicht nur das höllische Inferno, sie entfachen auch Lebenskraft. Auf einem Bild in diesem Band (einer bisher unveröffentlichten Cover-Version für den Comic zum Fantasy- Spiel Drakan) lodert um die Heroine Rynn herum eine Aura aus purer Energie; auf einem anderen schmiegt sich eine Lady mit blauen Lippen in die himmlische Wärme der sie umzüngelnden Flammen. Feuer, das brennen und verbrennen läßt. Heaven and Hell. Und irgendwo zwischen diesen Enden der Parabel der verlorene Mensch, nacktes Fleisch, gezeichnet von den Blessuren des Lebens: von Pfeilen durchbohrte Amazonen, tätowierte Engel, entblößte Körper, schutzlos dem Kräftespiel aus Glühen und Verglühen ausgeliefert.

Willkommen in der Welt von Timo Wuerz. Wenn Sie Comics lesen, sind Sie sich wahrscheinlich schon einmal begegnet, denn hier hat der 1973 in Schwäbisch Hall geborene Zeichner, der seine ersten Arbeiten bereits mit 15 Jahren publizierte, seine Wurzeln.

"Comics habe ich eigentlich schon immer gerne gezeichnet, sogar schon bevor ich sie selbst lesen konnte, " sagt er. "Das Tolle an dem Medium ist, dass man die totale Kontrolle über seine Geschichten hat. Niemand redet einem da rein wie beim Film, wo tausend Leute mitmischen und man ständig Kompromisse machen muss, bis von der ursprünglichen Idee nicht mehr viel übrig ist."

Als er sich später in Stuttgart für ein Grafikdesign-Studium bewirbt, schicken ihn die Professoren wieder nach Hause: Was sollen sie ihm noch beibringen?

Vor zehn Jahren dann, noch während er den Zivildienst ableistet, die erste professionelle Veröffentlichung. Aaron und Baruch heißt das Album, das er nach einem Szenario seines heutigen "Hausautors" (und Cousins) Niki Kopp zeichnet. Die Kritik vergleicht den Band umgehend mit den Werken des amerikanischen Zeichenstars Bill Sienkiewicz, denn die Mixtur unterschiedlicher grafischer Techniken ist atemberaubend. Aaron und Baruch ist als Trilogie konzipiert, doch es gibt Ärger mit dem Verlag, und der erste Band bleibt ohne Fortsetzung. Timo wendet sich der Illustration zu, arbeitet für die Werbung, produziert Titelbilder und CD-Covers.

Der Comic lässt ihn aber nicht los, und schon bald bietet er mehreren Verlagen ein neues Projekt an. Als ich den Umschlag nach einem Urlaub auf meinem Schreibtisch vorfinde, liegt er bereits zwei Wochen dort. Und Timo hat gerade einen Vertrag mit einem anderen Verlag unterschrieben. Lula + Yankee heißt seine neue Serie, deren erster Band 1995 erscheint, und der Unterschied zu Aaron und Baruch könnte größer kaum sein: karikierende Schwarzweiß- Zeichnungen statt spektakulärer Farborgien, Sex and Drugs and Rock'n'Roll statt Thriller, Spaß statt düsterer, seelischer Abgründe.

Der fliegende Wechsel der Stile und Sujets ist seitdem Timos Markenzeichen. Als wir am Telefon verabreden, trotzdem in Kontakt zu bleiben, habe ich keine Ahnung, dass wir uns längst begegnet sind: Zwei Jahre zuvor hatte ich Moebius nach Hamburg eingeladen. Nach einem gemeinsamen Essen wollte sich der die Füße vertreten, verlief sich jedoch in der Stadt und tauchte nicht rechtzeitig zu einer angekündigten Signierstunde auf. Inzwischen hatte sich eine Schlange aus weit über hundert Fans gebildet, die langsam ungeduldig wurden. Ich hatte keine Ahnung, wo Moebius stecken mochte, und als ich ungefähr zum 83. Mal gefragt wurde, ob er denn noch käme, ließ ich den Blick gen Himmel fahren und erwiderte: "Lange kann es wohl nicht mehr dauern, denn ich spüre bereits seine geistige Präsenz." Erst Jahre später verriet mir Timo, dass er es gewesen war, der dort vor mir stand. Er sah mich in diesem Moment sprachlos an, dachte "Spinner", drehte sich um und ging. Ich dachte "Fanboy" und sah ihm nach, wie er in die Richtung verschwand, aus der wenig später dann doch noch Moebius erschien.

So können Geschichten enden, so können sie aber auch beginnen. Jedenfalls folgen schon bald nach unserem Telefonat Vorschläge für mögliche Projekte, aus denen schließlich (ebenfalls mit Niki Kopp als Autor) XCT entsteht, eine Zusammenarbeit, die so reibungslos und professionell abläuft, wie ich es selten erlebt habe. Auch diese Geschichte kommt wieder in einer neuen Optik daher, ist voller überraschender Effekte, und im zweiten Band zündelt es gewaltig.

Für mich ist Timo schlicht ein Phänomen. Es scheint keine Zeichentechnik zu geben, die er nicht perfekt beherrscht, die er nicht zu einem eigenen, unverwechselbaren Stil zu entwickeln vermag. Nichts, was er nicht (in der Regel ohne jede Vorzeichnung) mit einer schlafwandlerischen Sicherheit, die schon fast unverschämt ist, zu Papier bringt, und das zudem noch in einem Tempo, das einem den Atem verschlägt. Falls er irgendwann mal in Ihrer Stadt signieren sollte: Lassen Sie es sich bloß nicht entgehen, ihm beim Zeichnen über die Schulter zu sehen. Das ist ein unglaubliches Erlebnis!

Andreas C. Knigge. Nachwort zum Bildband "Between Heaven And Hell"
--2003